
Wie lange dauern Trauerbegleitungen?
Es gibt Trauerbegleitungen von einmaligen Erstberatungen über wenige Wochen und Monate bis zu ein, zwei Jahren. Was sage ich also Klientinnen und Klienten, wenn sie mich in der ersten Stunde fragen, wie lange dauert denn so eine Trauerbegleitung?
Es gibt die ganz kurze Variante, die nur aus dem Erstgespräch besteht. Sozusagen ein „One Hit Wunder“. Das kann ganz unterschiedliche Gründe haben, weil z.B. der vertrauensvolle Kontakt nicht zustande kam, die Erwartungen nicht zusammenpassten, die Chemie zwischen Berater*in und Klient*in nicht passte. Manchmal sind es auch ganz andere Vorstellungen, z.B. einen Auftrag, den ich nicht annehmen kann, weil er zu unrealistisch ist. Da es im Vergleich relativ oft passiert, dass der/die Klient*in nach dem ersten Gespräch feststellt, wir passen nicht zusammen, lasse ich das Erstgespräch im Regelfalle anschließend in bar bezahlen. Denn hier wird am häufigsten die Rechnung nicht bezahlt.
Ich biete den Klient*innen an, sich wieder zu melden und dann ab dem zweiten Treffen einen Coaching- oder einen Behandlungsvertrag abzuschließen. Manche Menschen wünschen eher ein Trauercoaching, manche Menschen fühlen sie mit dem Gedanken einer Behandlung nahe einer Psychotherapie wohler oder haben eindeutige Diagnosen.
Dann gibt es eine Gruppe von Klienten und Klientinnen, die wenige Wochen und Monate bleiben, ich würde so sagen, 5-7 Sitzungen. Das kann z.B. die Trauer um die Eltern oder Großmutter sein oder die Trauer um den Opa. Hier löst sich in wenigen Sitzungen der Knoten und es darf noch einmal Raum sein für die Trauer, die gewürdigt wird und angeschaut werden darf.
Die nächste Kategorie sind Menschen, die ein halbes Jahr bis ein gutes Jahr lang in die Trauereinzelberatung kommen und vielleicht noch wesentlich länger in die Gruppen gehen, das sind bei mir meistens Menschen mit Partnerverlust, Trauer um die Eltern oder Menschen, bei deren Trauer Schuldgefühle eine große Rolle spielen.
Die nächste Kategorie sind Menschen, die ein bis drei Jahre lang und länger kommen. Das kann ebenfalls Partnertrauer sein, Trauer nach Suizid, Mord oder Verdacht auf ärztlichem Kunstfehler, wo also große Gefühle von Schuld und Vorwürfen im Raum stehen, und Trauer um Kinder. Alle Formen der prolongierten Trauerstörung mit ihren Risikofaktoren sind hier zu finden. Ebenso die Kombination Trauer und Depressionen gleichzeitig.
Eine Klientin hatte eine ganz pragmatische Lösung, wie sie die Länge der Trauerberatung festgelegt hatte: Sie meinte, sie wollte maximal 1000 Euro ausgeben. Wenn es dann nichts bringt, will sie zu einer Kassentherapeutin gehen. Sie hatte ein sehr komplexes Trauergeschehen mit vielen Schuldgefühlen und vielen ungeklärten Fragen und ging dann nach 11 Stunden. Auch das kann ein Ende einer Trauerberatung bedeuten, wenn es der Klient*in zu teuer wird und sie kostengünstigere Alternativen sucht.
Wenn mich ein*e Klient*in fragt, wie lange dauert so eine Trauerberatung, dann antworte ich meistens: „Das entscheiden Sie!“ Der/die Klient*in entscheidet ja meistens, ob er/sie nach der ersten Stunde wiederkommt und ein Beratungsbündnis mit mir eingeht. Daher biete ich die erste Stunde auch etwas preiswerter an, obwohl ich Erstgespräche immer sehr viel anstrengender finde als Folgegespräche. Ganz selten lehne ich eine*n Klient*in ab, da mir der gewünschte Auftrag nicht leistbar erscheint oder da ich zu sehr in Resonanz gehe. Wenn mich eine Trauergeschichte eines/r Klient*in zu sehr an meine eigene Geschichte erinnert, lehne ich manchmal ab.
Der/die Klient*in entscheidet, ob er/sie länger wiederkommen möchte, meistens auch, in welchem Rhythmus. Die meisten kommen anfangs für vier Wochen wöchentlich, kommen dann 14 tägig und später nur noch einmal im Monat. Manche schleichen sich dann sogar aus mit einer Sitzung pro Quartal. Ganz selten bitte ich eine*n Klient*in, häufiger zu kommen, da ich sehr in Sorge um sie oder ihn bin.
Ich frage die Klient*innen oft zurück: „Gemessen an der Länge, Dauer und Intensität der Beziehung zum/zur Verstorbenen, wie viel Zeit wollen Sie sich für Ihre Trauer geben? Was wäre für Sie angemessen?“ Dabei muss die/der Trauernde natürlich nicht über die Gesamtzeit des Trauerprozesses hinweg professionell begleitet werden.
Trauer darf so lange dauern, wie es guttut und notwendig ist. Chris Paul sagt immer wieder „Trauer ist die Lösung und nicht das Problem.“ Viele Klient*innen spüren anfangs so ein unglaublich bedrohliches emotionales Chaos und so einen unglaublichen Schmerz, dass sie einfach wollen, dass es ganz schnell aufhört. Das kann Trauerbegleitung und Psychotherapie nicht alleine leisten. Wer will, „dass es ganz schnell aufhört“, greift oft zu Tabletten, ist damit nicht immer gut beraten, kann sich aber so zumindest die Schlafstörungen lindern lassen.
Bei der Trauerarbeit als bewusstem Prozess, bei der Trauerbegleitung ist nicht von vornherein klar abschätzbar, wie lange die Begleitung dauert, aber ich habe Erfahrungen damit gesammelt, mich auch auf Überraschungen einzustellen. Manchmal kommt eine Person, bei der ich eine komplizierte Trauerreaktion vermutet hatte, nach vier, fünf Sitzungen und sagt, dass es ihr schon jetzt unglaublich besser damit geht und sie den Rest des Weges jetzt gut alleine gehen kann. Manchmal denke ich anfangs, der Trauerweg ginge nicht so lang und tief, und andere Dinge tun sich auf, die eine längere Begleitung erfordern. Der Patient/die Klientin führt. Sowohl der/die Trauernde wie ich können in unserer Geduld und in der Ausdauer der Begleitung herausgefordert werden. Und es ist ganz unterschiedlich, wohin die Trauerwege führen können.
Empathie eine wichtige Haltung in der Beratung.
Die hier geäußerten Gedanken sind ganz persönliche Überlegungen aus 7 Jahren Trauerpraxis und langer Zeit als Angestellter in Trauerberatung. Sie sind nicht empirisch- wissenschaftlich erforscht und hinterlegt und erheben auch keinen Anspruch, eine Leitlinie oder ein neues System zu begründen. Da sich viele Trauernde und viele neue Trauerbegleitende diese Frage stellen, habe ich meine ganz persönlichen Gedanken und Erfahrungen dazu geäußert.
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und: Wie lange darf Trauer andauern?
Wobei die Frage, wie lange die Trauer andauert, nicht identisch ist mit der Frage, wie lange dauert Trauerbegleitung? Denn die Trauernden, die zu uns in die Trauerbegleitung kommen, empfinden ja bereits vorher einige Zeit lang Trauer und werden evtl. auch danach, wenn auch in gewandelter und abgeschwächter Form, noch länger Trauergefühle und Trauerreaktionen haben. Wir begleiten sie ein Stück ihres Weges...
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Foto vom Friedhof: Christian Bodenstein.

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